Bestatter sind die Groupies der Senioren

Fühlen Sie sich manchmal verfolgt? Auf offener Straße, von wildfremden Menschen? Dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass Sie ganz gehörig einen an der paranoiden Waffel haben und demnächst mit Ihrem topmodischen Anti-Gedankens-Alufolienhut von den Männern mit den weißen Kitteln abgeholt werden. Es sei denn … ja, es sei denn: Sie werden alt.

Dann ist es keine Einbildung. Im Gegenteil, Sie beweisen guten Instinkt – schließlich sind Bestatter auf der Pirsch, immer und überall. Und das ist kein Wunder. Die Beerdigungsindustrie steckt in der Krise, und zwar tiefer als die Gräber ihrer Kunden! Schließlich lebt die Kundschaft immer länger und bleibt bis ins hohe Alter fit wie ein Turnschuh. Der einst so exklusive „Club der Dreistelligen“ (die Ü100) hat sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. Da ist kein Ende in Sicht. Meine eigene Mutter wurde 101, die Queen Mum schaffte 102. Laut der Zeitschrift „Stern“ hat unsere Generation die Aussicht, 120 zu werden. Klar, dass eine solche Entwicklung für Bestatter tödlich ist. Oder eben nicht – genau darin liegt ja deren Problem. In der Titelgeschichte der letzten „Schöner Sterben“ (das offizielle Bestatter-Fachorgan) konnte man die ungeschminkte Wahrheit schwarz auf weiß nachlesen: „Die Sterbefreudigkeit in Deutschland hat in den letzten Jahren dramatisch nachgelassen.“ So schaut es aus. Der Verbandspräsident der Bundesbestatter wiederholt unermüdlich bei jeder Gelegenheit: „Unsere Devise ist Akquise!“ Darum: Augen auf. Freunde: Bestatter sind die Groupies der Senioren – sie verfolgen dich überall. Kaum sehen sie dich die Straße entlangschlurfen, kommen sie auch schon gierig geifernd, mit ausgestreckten Armen auf dich zu gerannt. Natürlich wollen sie genau wie Groupies von Rockstars nur das eine von dir: deinen Körper. Sie wollen dich mit Haut und Haaren. Und sie wollen dich kalt. Bestatter wittern den süßlichen Geruch der Verwesung bereits Jahrzehnte vor allen anderen Menschen. Wie ein Hai, der einen einzigen kleinen Tropfen Blut im weiten Ozean riecht, wird ihr Jagdtrieb in genau dem Moment geweckt, in dem ich alter Zausel um die Ecke komme. Wenn ich dann auch noch, ein klein wenig blass um die Nase, niese, ist alles zu spät: Innerhalb weniger Sekunden bin ich umzingelt von einer Traube von Bestattern, die mit vollem Körpereinsatz um mich buhlen, als sei ich der Robbie Williams unter den potentiellen Totenstars. Einerseits fühle ich mich davon gebauchpinselt, kann mich einem gewissen Geschmeichelt sein nicht verwehren – sie wollen schließlich nicht irgendeinen 08/15-Leichnam in ihrem Sarg liegen haben, nein: Sie wollen mich! Andererseits nervt es manchmal auch ganz schön. In meiner Nachbarschaft gibt es ein ganz besonders hartnäckiges Exemplar dieser Spezies: Ein überengagierter Bestatter in der dritten Generation. Bringt seit vierzig Jahren alles, was nicht bei drei noch Herzschlag hat, erfolgreich unter die Erde. Sein Atem formt Eiskristalle in meinem Nacken, wenn er mir mit hoher Fistelstimme mir begrüßend ins Ohr flötet: „Naaaaaaa, geht”s Ihnen gut?“

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